Mittwoch, 15. Juli 2009

Fundstück der Woche

Heute entdeckt: Das "Junggesellen- und Touristen-Kochbuch" von Th. Haslinger aus dem Jahre 1896. Weitere Kommentare spare ich mir und schreibe lediglich die "Vorrede" des Kochbuchs nieder:

Auf Erden halb Himmel und halb Hölle
Hat so ein richtiger Junggeselle.
Die Hausschlüsselfreiheit jeden Abend
Wirkt ja sicher äußerst labend;
Dazu ist er von der Angst entledigt,
Es folge d'rauf eine Gardinenpredigt.
Auch braucht er in diesen theuren Zeiten
Den Staat einer Frau nicht zu bestreiten.
Er treibt sich vielmehr stets frank und frei
In der Welt herum, hat's ganze Jahr Mai.
Geht, wohin er will, kommt heim, wann er mag,
Flattert fröhlich umher im Blüthenhag,
Blinzelt nach jedem schönen Kind,
Schwirrt aber wieder hinweg geschwind,
Kaum daß er die Liebe sie öffnen sah
zu dem Worte: "Reden Sie mit Mama!"
Trotzdem ist er gern gesehen bei Allen;
Denn man läßt die Hoffnung niemals fallen,
So lange er ledig, daß er schließlich
Das Heirathen finde dennoch ersprießlich.


Aber es hat zu manchen Zeiten
Ein solches Leben auch Schattenseiten.
So spukt eine Mär in allen Köpfen
Von ausgerissenen Hemdenknöpfen,
Auch daß es sonst mit der Näherei
Beim Junggesellen oft mißlich sei.
Es fehle dort - sagen die Ehemänner
Als der Sache richtige Kenner -
Häufig im Großen und im Kleinen
Die Behaglichkeit - kurzum, sie meinen,
der Frauenhände liebendes Walten
Könne ein Heim erst gemüthlich gestalten!


Ueber all' das hinüber, so gut's eben geht.
Aber Eines bleibt ihm!" schrein'n sie indessen:
"Dieses ewige Wirtshausessen,
Das den Magen verdirbt und den Beutel beschwert
und Bequemlichkeit, Ruhe und Auswahl wehrt!"
Und in diesem Punkt gibt ihnen heimlich Recht
Gar Mancher vom Junggesellengeschlecht,
Kraut sich hinter dem Ohr verlegen und stöhnt:
"Wenn ich oft mir nur selber was kochen könnt!"


So nehmt denn! Hier bietet sich hilfereich
Ein Junggesellen-Kochbuch Euch!
Will nicht anspruchsvoll sein und schwer zu versteh'n,
Will mehr auf's Kurze und Praktische geh'n,
Damit sich darin der Junggesell
Zurecht finde mühelos und schnell
Und was schmackhaft, gesund und leicht herstellbar ist,
sich möge bereiten zu jeder Frist,
Sei's nun, daß er mal in Katers Nöthen
Aufsuche, was sich da für Mittel böten,
Sei es auch, daß ihn ein Unwohlsein
Sperre in seine vier Wände ein,
Sei's, daß er für ein paar lustige Gesellen
Möchte ein leckeres Mahl bestellen,
Oder daß er gern auf der Reiss wo
Sich selbst was bereite so oder so;
Mag's auch sein, daß er sich überhaupt
Zum eig'nen Koche berufen glaubt,
Oder nur hie und da jenes und dies
Am Liebsten behaglich zu Hause genieß' -
Zum Frühstück, Mittags oder Abends vielleicht,
Kalt oder warm, trocken oder feucht!
Kurzum, in jegelichem Magenbedürfniß
Schützt Euch dies Büchlein vor Noth und Zerwürfniß,
Will Euch ein Freund sein zu allen Zeiten
In inneren Angelegenheiten,
Will Euch mit einfachen Mitteln lehren
Die eigene Kochkunst schätzen und ehren.
Nicht aber, daß da ein Weiblein meine,
Ich sei Ehefeindin und was für eine
und wolle mit diesem Büchlein trachten,
daß die Männer den Familienherd verachten!
Im Gegentheil, wenn Einer am End'
Langzeitigen Kochens etwa erkennt,
Daß der Kochkunst wahre Virtuosin
Das Weib doch bleibe, so seh' ich's mit Frohsinn,
Wenn er, von dieser Erkenntnis entflammt
Mit Einer marschiert zum Standesamt,
Und will hiemit sie und den alten Knaben
Schon heute herzlich beglückwünscht haben!


Aber bis dahin, Ihr Junggesellen,
Lernt aus dem Büchlein den Tisch bestellen,
Kocht vergnügt und behaglich damit!
Wohl bekomm's Euch und guten Appetit!


Herrlich! Und ausgerechnet von einer AutorIN geschrieben!! Ich find's ganz schön fortschrittlich für ein Buch aus 1896...

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